Kerstin Hack: Die Geschichte einer Erlösung

Sie hatte die Geschichte von der Herkunft ihrer Familie schon so oft gehört, dass sie sie auswendig kannte. Sie hatte es satt, immer wieder das tragische Schicksal der Töchter Lots vor Augen gemalt zu bekommen. Sie wollte nicht mehr hören, wie die Mutter der beiden jungen Frauen bei der Flucht aus Sodom zu einer Salzsäule erstarrt und wie ihre ungläubigen Verlobten in dem Inferno aus Feuer und Schwefel umgekommen waren.

Und natürlich hatte man ihr auch schon mehr als tausend Mal erzählt, wie die um ihr verlorenes Leben trauernden Frauen mit ihrem Vater ins Gebirge Zoar geflüchtet waren, wo der Vater sich in eine Höhle zurückzog und darin blieb – äußerlich und innerlich. In seiner Höhle bemerkte er nicht, dass seine Töchter unter dem Verlust der Mutter, der Heimat und der Partner ebenso litten wie er, der ebenso alles verloren hatte.

Seine Töchter litten auch unter der Nichtanwesenheit des Vaters, der sich in die Passivität zurückzog und in seiner Höhle jede Verantwortung für sie vergaß. Er sprach nicht mit ihnen über ihre Zukunft, er machte keine Besuche bei Verwandten und in der Umgebung, um passende Ehepartner für sie zu finden. Eine Katastrophe. Für die Töchter war die Zukunft ebenso schwarz wie die Vergangenheit: Ohne einen Vater, Ehemann oder Sohn, der sie versorgte, gab es für sie keine  Chance, emotional, wirtschaftlich oder sozial zu überleben.

Ruth hatte die Geschichte schon hunderte Male gehört. Als kleines Kind hatte sie kaum verstanden, was es bedeutete, dass die Töchter den Vater betrunken machten, um sich zu ihm zu legen, damit er ihnen ein Kind zeugen sollte. Aber sie hatte am Tonfall gespürt, dass es nicht recht war. War sie damit auch „nicht recht“, sie deren ganzes Volk aus dieser Verbindung entstanden war? War es nicht recht, dass sie existierte, sie, Ruth, aus dem Volk der Moabiter?

Je nach Erzähler hatte die Geschichte eine andere Nuance. Die Männer betonten die Manneskraft Lots, ein ganzer Mann, der selbst im Vollrausch noch Söhne zeugen konnte. Andere warnten junge Männer vor Frauen, die nichts anderes wollten, als ein Kind von ihnen und dafür jedes Mittel einsetzen würden…von Manipulation über Drogen – für Samenraub war jedes Mittel recht. Anderen war die Geschichte dieses Inzests einfach nur peinlich – so peinlich wie es ihnen war, zu dem Volk zu gehören, das daraus entstanden war.

Die Frauen hingegen zeterten über Lot – und mit ihm über alle Männer, die ihren Verpflichtungen nicht nachkamen, die faul in der Ecke saßen statt aktiv zu werden und sich um die Familie zu kümmern, Hochzeiten und Feste zu arrangieren und endlich den Müll aus dem Zelt zu räumen. Die Feministinnen betonten das Recht der Frau, sich das zu holen, was man(n) ihr nicht selbst gab. Selbst ist die Frau. Ruth war keine Kämpferin, keine, die allen misstraute. Sie war offen und ein Mensch, der anderen gerne vertraute. Aber doch – die Botschaft, die sie von den anderen Frauen so oft gehört hatte, war irgendwann in ihr Innerstes vorgedrungen: „Du kannst dich nicht darauf verlassen, dass ein Mann dich schützen oder versorgen wird. Männer sind von Natur aus passiv und schrecken vor Verantwortung zurück. Im Zweifelsfall bleibt dir nur eines: „Hilf dir selbst, dann hilf dir Gott!“

Die Geschichte, die der Jude Boas von seiner Familie gehört hatte, war anders und doch in vielem gleich. Wieder ging es um einen Mann, der die Rechte einer Frau, die unter seiner Obhut stand, nicht schützte. Nicht aus Passivität, sondern aus Angst. Juda hatte zwei erwachsene Söhne. Sie beide waren mit einer Frau namens Tamar verheiratet gewesen. Zuerst der ältere von beiden. Nach seinem Tod hatte der jüngere Bruder sie zur Frau genommen, um mit ihr einen Nachkommen zu zeugen, der der Tradition gemäß den Namen seines Bruders tragen sollte. Weil ihm das nicht passte, ließ er seinen Samen auf den Boden fallen. Das passte Gott nicht, und so starb er auch.

Natürlich sprachen die Leute darüber. Womöglich lag ein Fluch auf dieser Frau? Oder vielleicht war es gar nicht Gott, der ihren Mann getötet hatte, sondern sie hatte, aus Rache für seine Verweigerung, ihr Kinder zu schenken, beim Sterben etwas nachgeholfen. „Der Mann wird schon gewusst haben, warum er mit dieser Frau keine Kinder zeugen will“, sagten die einen. Und „Man weiß doch nie, wozu Frauen fähig sind – und Kinder sind ihnen allemal wichtiger als der eigene Mann. Frauen kann man doch nicht trauen.“

Juda hatte das Gerede der Leute gehört. Und er machte sich auch seine eigenen Gedanken. Sollte er den einzigen, jüngsten Sohn, der ihm noch geblieben war, mit Tamar verheiraten, so wie es die Tradition verlangte? Was würde dann geschehen? Nein, das Risiko war ihm zu groß. Sicher ist sicher. Der Junge bleibt zu Hause. So erzählten es die einen, die Verständnis für sein Handeln hatten. Die anderen kritisierten seinen Bruch mit den Traditionen ihres Volkes zumindest so sehr, wie man den eigenen Stammvater kritisieren kann, ohne seine eigene Existenz in Frage zu stellen. Auch die Bewertung von Tamars Reaktion auf die Verweigerung Judas war zwiespältig. Als sie merkte, dass alles Warten hoffnungslos war, zog sie sich die typische Kleidung einer Prostituierten an. Sie verführte am Straßenrand ihren Schwiegervater, der sie nicht erkannte und wurde von ihm schwanger. Erst als die Schwangerschaft für alle sichtbar war, lüftete sie das Geheimnis. Juda erkannte, so der offizielle Bericht, dass er seine Verantwortung nicht wahrgenommen hatte und gibt offen zu: „Sie ist gerechter als ich!“ Ein klarer Fall von mangelnder Verantwortung des Mannes und gerechter Strafe – zumindest in der offiziellen Variante der Erzählung.

Der kleine Boas, der einer der Nachkommen aus dieser Verbindung war, hatte die Geschichte schon oft gehört. Die Männer hatten sie ihm mit erhobenem Zeigefinger und warnendem Unterton erzählt. „Hüte dich vor den Frauen, sie kennen alle Tricks! Sie holen sich, was sie wollen. Wenn eine Frau sich erst mal etwas in den Kopf gesetzt hat, hast du keine Chance mehr.“ Und immer wieder: „Die Frauen wollen die Männer nicht. Sie wollen dich doch nur als Erzeuger ihrer Kinder. Alles andere ist egal!“ Und man warnte ihn besonders vor Witwen: „Hüte dich bloß vor ihnen. Die wissen, wie man einen Mann verführt. Sie kennen alle Tricks und sind besonders gerissen!“ Ohne dass er es wollte, bahnten sich die alten, oft gehörten Sätze und Bilder einen Weg in seine Gedanken, als er Ruth, der jungen Frau aus Moab begegnete, die mit der alten Naomi in sein Heimatdorf gekommen war. „Ihr Stiefvater ist gestorben, ihr Schwager, ihr Mann (wer weiß woran?)? Sie ist Witwe. Sie sagt, dass sie ihrer Schwiegermutter helfen möchte, aber wer weiß, was sie wirklich will. Da droht Gefahr!“

Freundliche Fürsorge war für ihn als Ehrenmann selbstverständlich. Aber weiter durfte es nicht gehen. Es war auch in Ordnung, andere über sie ausfragen und ihr ein paar nette Komplimente zu machen und etwas zu Essen zu geben. Sie schien ja zumindest eine verantwortungsbewusste Frau zu sein. Und auch noch schön. „Aber die sind ja bekanntlich die Gefährlichsten“ erinnerte er sich selbst und beschloss: „Besser Abstand halten, sie nur nicht zu nah an mich heranlassen. Distanz schützt. Man weiß ja nie. Der Schein kann trügen. Sicher ist sicher.“

In Ruth tobte ein anderer Kampf. Von Naomi hatte sie erfahren, dass gerade Boas, der Mann, der so freundlich zu ihr gewesen war, nach jüdischem Recht dazu verpflichtet war, ihr zu helfen und für sie zu sorgen. Aber würde er das tun? Oder würde er in seiner sicheren Höhle bleiben, dort, wo ihn nichts angreifen und nichts verletzen konnte? Würde er nicht wahrnehmen, wie sehr sie und Naomi  seine Hilfe brauchten?

Ohne das beherzte Eingreifen ihrer liebevoll resoluten Schwiegermutter Naomi wäre die Begegnung der beiden wohl zu einer unendlichen Geschichte der Nichtbewegung geworden. Sie wären in ihren sicheren Positionen der Angst stecken geblieben und hätten sich wohl kaum aufeinander zu bewegt.

Aber Naomi ist eine Frau der Tat und fordert Ruth resolut zum Handeln auf. „So. Der Mann ist gerade allein im Getreideschober. Er steckt in seiner Höhle. Aber das macht nichts. Du kannst dich da hineinwagen. Wasch dich und zieh dich schön an. Ja, komm schon. Schau nicht so zweifelnd. Schönheit ist in Ordnung, Prostitution nicht. Warte auf eine gute Gelegenheit. Sprich erst dann mit ihm, wenn er etwas gegessen hat. Mit einem hungrigen Mann kann kein Mensch vernünftig reden. Sag ihm dein Anliegen, klar, nicht jammernd, nicht manipulierend, einfach direkt. Und dann: Warte einfach ab, was passiert. Und mach dir keine Sorgen, es wird schon gut werden. Ja, du siehst gut aus. Deine Haare sind auch okay so. Mach dir keine Sorgen. Und jetzt, warte nicht bis übermorgen, geh! Shalom!“

Ruth ging durch die sternklare Spätsommernacht und verkroch sich auf der Tenne vorsichtig hinter einem Strohhaufen. Sie wartete, bis Boas eingeschlafen war. Es war ganz still. Außer dem leisen Schnarchen des zufriedenen Mannes, hörte sie nur ihr eigenes Herz laut pochen. „Hatte Naomi Recht? Würde Boas ihr wirklich helfen oder würde er Ausflüchte suchen? Sie war schließlich Ausländerin. Was hatte sie in seinem Volk, in seinem Leben zu suchen? Wäre es nicht doch besser, gleich zu handeln? Sie war jung und schön. Und er war gerade ziemlich betrunken. Wenn sie ihm ihre Reize zeigen, ihn verführen und schwanger werden würde, würde er sie heiraten müssen. Wäre das nicht besser als auf ein offenes Gespräch zu setzten? Was, wenn er sie abweisen würde? Wie albern auf ein glückliches Ende zu hoffen, das gab es doch nur in Märchen. Hatten ihr die Frauen ihres Volkes nicht tausend Mal gesagt: „Du kannst dich nicht darauf verlassen, dass ein Mann dich schützen oder versorgen wird. Im Zweifelsfall bleibt dir nur eines: „Hilf dir selbst, dann hilft dir Gott! Zur Not musst du die Waffen einer Frau einzusetzen wissen.“ Aber hatte sie nicht ihr eigenes Volk verlassen, um sich einem anderen Volk mit einem anderen Gott anzuschließen, einem Gott, von dem Naomi sagte, dass er auch das Unmögliche ermöglichen kann? Oder wäre es nicht doch besser, wenn sie ihn verführen würde? Was für eine Ehe könnte aus so einem Anfang wachsen? Würde sie sich je wieder selbst achten können? Oder ihn? Wie sollte so je echtes Vertrauen zwischen ihnen möglich sein?

Nein, sich so zu prostituieren war – trotz aller Angst abgewiesen zu werden – keine Alternative. Aber die Angst steckte ihr wie ein Korken im Hals, der ihr selbst das Schlucken schwer machte: Was wäre, wenn er sie nicht nur abweisen oder gar beschimpfen, sondern womöglich überall herum erzählen würde, was für eine sie war? Dann würde niemand mehr sie überhaupt ansehen wollen – und berühren… wenn dann nur mit lüsternem Blick.

Ruth schüttelte sich innerlich bei der Vorstellung. Die Stunden verstrichen, als sie so dalag und die Ängste durch ihren Körper pochten und sie auf etwas wartete, von dem sie nicht wusste, ob sie es erhoffen durfte oder befürchten sollte. Plötzlich bewegte sich etwas auf dem Getreidehaufen. Boas wurde wach… erst ein bisschen und dann richtig wach, als er Ruth entdeckte. „Was tust Du hier?“ fragte er überrascht, aber nicht verärgert.

In den vorangegangenen Stunden hatte Ruth ihren Text hundertmal im Kopf geprobt – in allen Varianten: Die weinerlich-mitleidsuchende: „Ich bin eine arme Flüchtlingsfrau. Bitte, bitte hilf mir!“

Oder eher schmeichlerisch-manipulierend: „Du bist so ein toller Mann und meine einzige Hoffnung. Wenn du mir nicht hilfst, hilft uns niemand. Dann bist du verantwortlich für unseren Untergang!“

Auch die moralisch-appellierende Variante hatte sie in Gedanken geprobt: „Du bist vom Gesetz her verpflichtet, mir zu helfen. Ich fordere dich auf, deiner Pflicht nachzukommen!“

Und auch die vorwurfsvolle Schiene war ihr durch den Kopf gegangen: „Du hättest schon längst erkennen können, wie arm wir dran sind und uns aus unserer Notlage erlösen sollen!“

Aber nichts von all dem kam aus ihrem Mund, nachdem Boas sie so überrascht und freundlich angesprochen hatte. Sie sagte lediglich: „Ich brauche deinen Schutz und deine Hilfe. Ich möchte deine Partnerin werden. Bitte heirate mich! Du hast das Recht dazu.“ Nichts weiter als eine klare Bitte – wenn auch vor Angst ein wenig zu schnell und mit leichtem Zittern in der Stimme vorgetragen.

Boas war von der Klarheit dieser Antwort ebenso überrascht wie Ruth selbst. Das war nicht das taktierende Handeln der jungen Witwen, vor dem man ihn immer gewarnt hatte. Keine Manipulation. Kein Versuch, ihn herumzukriegen, nur eine schlichte, klare Bitte.

In der Stille nach ihren Worten konnte er ihr Herz pochen hören. Sie hatte eine Bitte an ihn gerichtet. Und er musste reagieren. Jetzt, ohne Aufschub. Diese Frau wollte er nicht so lange warten lassen, wie sein Stammvater Juda es getan hatte.

„Du bist eine Frau, der man vertrauen kann“, antwortete er. „Es gibt da noch eine rechtliche Frage zu klären, aber ich werde mich gleich morgen darum kümmern. Mach dir keine Sorgen, du kannst dich auf mich verlassen. Jetzt schlaf erst einmal!“ Er legte die Decke wieder über sie und nahm mit Genugtuung wahr, wie die Anspannung aus ihren Gliedern wich. Vertrauen durchströmte sie, wie es keine Frau in ihrem Volk je gekannt hatte. Sie spürte: „Dieser Mann wird tun, was er sagt!“ und schlief erschöpft ein. Und er selbst legte sich glücklich mit dem Wissen schlafen, dass er eine richtige und gute Entscheidung getroffen hatte. Er selbst, ja, er, Boas aus Bethlehem, Nachkomme Judas und Tamars, hatte sich für das Richtige entschieden. Und das Richtige war auch noch sehr schön. Was für ein gutes Gefühl!

Und was geschah dann? Boas und Ruth wurden ein Ehepaar und Eltern. Ihr Enkelsohn war der große König David und ein weiterer Nachkomme von ihnen war Jesus, der die Geschichte einer Erlösung schrieb, die noch viel größer und bedeutender war als die Erlösung, die Boas und Ruth erlebt hatten. Aber das, ist eine andere Geschichte.

 

Bearbeitete und leicht gekürzte Fassung eines Artikels, der zuerst in der Zeitschrift Aufatmen erschien. Mit freundlicher Genehmigung.

 

Buchtipp:

Kerstin Hack: Kommunikation. Impulse für lohnende Begegnungen.

Impulsheft. Down-to-Earth-Verlag. 2,50€

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Autor: kerstin

Kerstin Hack, Autorin, Verlegerin und Coach. Mehr über sie gibt es unter
http://www.down-to-earth.de und auf ihrem Blog Kerstin pur: http://www.kerstin.down-to-earth.de