Kerstin Hack: Erstaunlicher Alltag…Amazing Grace

„Amazing Grace“ (erstaunliche Gnade) – fast jeder kennt dieses bewegende Lied, das die unverdiente Gnade Gottes mit so tiefen Worten besingt, dass man erstmals oder immer wieder neu ins Staunen kommt – über den Gott, der uns rettet, nahe kommt und erlöst.
Das Lied hat manch einem Menschen in einer verzweifelten Situation die Kraft gegeben, am Leben festzuhalten. Andere hat es nach dem Verlust eines geliebten Menschen getröstet und vermittelt, dass Gottes Gnade auch in dieser Situation für sie greifbar ist „and grace will lead me on“ – die Gnade wird mich weiterführen.
In New York hat es nach der Tragödie vom 11. September eine Kapelle der Heilsarmee gespielt, während freiwillige Helfer Laster mit Hilfsgütern für die Helfer vom Ground Zero beluden. Unzählige Menschen auf der ganzen Welt fanden Trost und Halt in diesem Lied. Erstaunliche Gnade – wenn man sieht, was die Worte eines Mannes im Herzen von Millionen bewirken können.

Noch erstaunlicher, wenn man das Leben des Autors ansieht.

John Newtons Leben war dramatisch genug. Er verlebte eine glückliche Kindheit – obwohl er schon im Alter von vier Jahren Latein lernen musste. Bildung wurde in seiner Familie ebenso groß geschrieben wie der Glaube – und er nahm beides hungrig in sich auf. Prägend war vor allem seine tiefgläubige Mutter – der Vater war als Seemann oft unterwegs. Als er sieben Jahre alt ist, stirbt seine Mutter an Tuberkulose, der Vater heiratet bald darauf erneut und gründet eine neue Familie. Der kleine John kommt in ein Internat, das ihm die Freude am Lernen verdirbt und seine religiöse Erziehung verblassen lässt. Als er elf Jahre alt ist, wird er Seemann auf dem Schiff seines Vaters. Die Reste seines Glaubens zerbröckeln immer mehr und schließlich wirft er sie im wahrsten Sinne über Bord und wird zu einem militanten Atheisten, der für den christlichen Glauben nur Spott und Verhöhnung übrig hat. Voll Eifer versucht er auch gläubige Menschen von ihrem Glauben abzubringen, was ihm auch in mindestens einem Fall gelingt. Die Jahre auf See sind hart, gekennzeichnet von rauem Leben, Einsamkeit, Sehnsucht nach einer jungen Frau, Mary, in die er sich zutiefst verliebt hatte. Er wird von der Marine zwangsrekrutiert, landet auf Sklavenschiffen in Afrika, erlebt grausame Gefangenschaft und entkommt mehrfach knapp dem Tod.

Schließlich kann er durch die Intervention seines Vaters nach England zurückkehren und erlebt auf der Rückfahrt „erstaunliche Gnade“ – in der Kajüte findet er ein Buch über den schlichten Glauben des mittelalterlichen Mönches Thomas von Kempen. Unter dem Eindruck des Gelesenen findet er in einer langen Nacht, als sein Schiff in einem Sturm fast Schiffbruch erleidet, die Gnade Gottes neu: „Was blind but now I see“ – „Ich war blind – doch nun kann ich wieder sehen“.

Zurück in England kann er Mary heiraten, die auf ihn gewartet hat, erlebt in der Beziehung zu ihr tiefe Herzensnähe und warmen, tiefen Austausch, was viele seiner Briefe bezeugen. Er muss allerdings, um seinen Lebensunterhalt zu bestreiten, weiter lange Zeit zur See fahren – als Kapitän auf Schiffen, die Sklaven in die Neue Welt bringen. Erst später, nach einem Schlaganfall, kann er auf Fürsprache eines Adligen ein Pfarramt in der Nähe von Cambridge übernehmen. Dort predigt er, kümmert sich um die Gemeinde und schreibt Lieder – von der erstaunlichen Gnade Gottes.
Noch erstaunlicher als die bewegte Biographie Newtons, die auch heute noch Stoff für eine ganze Reihe von Filmen und Büchern bieten würde, bewegt mich, wie das Lied entstanden ist. Es war – erstaunlich normal. „Amazing Grace“ wurde nicht in einem besonders bewegten Moment geschrieben, als der Autor von erhabenen, tiefen, intensiven Gefühlen durchflutet wurde und sich Gott besonders nahe fühlte. Es entstand auch nicht auf einem Berg, an einem besonderen Ort. Es entstand schlicht und ergreifend in seinem Arbeitszimmer. Lieder schreiben war Teil seiner ganz normalen wöchentlichen Routine. Als Pfarrer war es Newton wichtig, dass seine Gemeinde die Predigtthemen möglichst gut verinnerlichen konnte. Deshalb schrieb er jede Woche (!) ein Lied passend zu der Predigt, die er halten würde. Ein Lied, eine Predigt. Woche für Woche. Nichts Besonderes. Ganz normaler Pfarrersalltag. Und Woche für Woche ein Lied dazu. Wahrscheinlich hat es nicht viele gekümmert, ob er Lieder für sie schrieb. Das musste man als Pfarrer nicht tun. Aber er tat es. Weil die Menschen in der kleinen Landgemeinde in einem Nest in England, das kaum Jemand kennt und ihr geistliches Leben, ihm wichtig waren.
An einem kalten Dezembertag 1772 arbeitete er an einer Predigt über 1. Chr. 17, 16 – 17. Das ist die Passage, in der König David im Rückblick auf sein Leben erstaunt zu Gott sagt: „Wer bin ich und was ist mein Haus, dass du mich bis hierher gebracht hast?“
Als Newton, inspiriert durch die biblische Geschichte, auf sein eigenes Leben zurück sah, brachte er die Worte „erstaunlich“ und „Gnade“ nebeneinander auf Papier. „Amazing Grace“ war geboren. Mitten in seine Wochenroutine wird aus tief erlebtem, eigenen Leben durch Gottes Führung ein Lied geboren, der Millionen von Menschen auf der Welt berühren sollte. Wahrscheinlich war sein Schreiben ein so vertrauter, alltäglicher Ausdruck seiner Fürsorge für die ihm anvertrauten Gemeindeglieder, dass er vielleicht nicht einmal wahrgenommen hat, was für tief bewegende Worte er in diesem Moment geschrieben hat: Wie Gott die Worte, die an diesem kalten Wintertag aus seiner Feder geflossen waren, gebrauchen würde, konnte er sicher nicht einmal ahnen.

So etwas kann man nicht voraussagen. Nicht planen. Aber es gibt der Alltagsroutine neue Kraft, wenn man ahnt, dass Gott einzelne Momente davon mit tiefem Leben füllen kann. Wenn aus einem von Hunderten von Liedern, ein Lied geboren wird, dass das Leben von vielen bereichern kann. Aber dass alle anderen Alltagsmomente genauso wertvoll sind, weil jede Zuwendung und Liebe zählt – egal ob sie einen berührt oder Millionen. Das ist Amazing Grace – erstaunliche Gnade.

Es gibt noch ein zweites Lied von John Newton, das das Leben von Millionen von Menschen verändert hat. Text und Melodie des Liedes sind heute unbekannt. Niemand hat es veröffentlicht. Es war ihnen nicht wichtig. Newton hat es „nur“ für ein paar Kinder geschrieben. Das tat man(n) im 18. Jahrhundert nicht. Newton tat es trotzdem, weil er Kinder liebte. Besonders lag ihm William, ein achtjähriger Junge, am Herzen, der ihn mit seiner Tante besuchte – vielleicht weil der Junge ebenso wie Newton selbst verwaist war. Der Junge war sehr intelligent, besuchte bereits als 14jähriger die Universität von Cambridge und war bereits im Alter von nur 21 Jahren Angehöriger des Parlaments als Parlamentsvertreter für Yorkshire. Er war begabt, reich und mächtig. Mit seiner Karriere ging es steil bergauf. 1785 fand er auf einer Wandertour zum Glauben an Christus und schrieb „Welch unendliche Liebe, dass Christus gestorben ist, um einen solchen Sünder zu retten.“ Er entdeckte erstaunliche Gnade, die ihn aber auch vor eine schwere Entscheidung stellte: Was war das Beste für seinen weiteren Lebensweg? Sollte er seine Privilegien und sein politisches Amt aufgeben, um Christus vielleicht auf andere Art und Weise zu dienen? Oder im Amt bleiben und dort Jesus nachfolgen? Die Entscheidung fiel ihm nicht leicht und die Frage trieb ihn um und quälte ihn. Er brauchte guten Rat, keine Meinung, keine Floskeln, sondern tiefen, guten, wegweisenden Rat.

Er wusste, an wen er sich wenden konnte: Weil John Newton für ihn da war, als er noch ein Kind war, für ihn Lieder geschrieben und ihn schon damals ernst genommen wusste er, dass er bei ihm guten Rat finden würde. Die Männer redeten miteinander und Newton riet ihm, als bewusster Christ in der Politik zu bleiben, dort seinen Einfluss zu nutzen, um sich für das Evangelium einzusetzen. Der junge Mann schrieb nach diesem Rat in sein Tagebuch: „Ich spürte, wie ich ruhig und gelassen war, bescheidener und inbrünstiger auf Gott sah.“ Es war niemand anderes als William Wilberforce, der zu einem der einflussreichsten Männer Englands im 19. Jahrhundert werden sollte.

Er nahm den Auftrag ernst, Christus im Beruf zu folgen und nutze im Laufe der nächsten Jahrzehnte sein politisches Amt und seinen Einfluss, um sich für das Evangelium einzusetzen. Insbesondere lag es ihm am Herzen, dass die Sklaverei in England abgeschafft und der Sklavenhandel für illegal erklärt würde. Es hat eine gewisse Ironie, wenn man bedenkt, dass sein geistlicher Ziehvater John Newton, der ihn zu der politischen Karriere ermutigt hat, selbst jahrelang Kapitän auf Sklavenschiffen war. Wilberforce wurde zu Beginn seines Engagements für die Abschaffung der Sklaverei noch von den Befürwortern der Sklaverei belächelt, doch er gab nicht auf, sondern verfolgte sein Ziel mit zäher Entschlossenheit.
Vor jeder Einladung überlegte er sich, wen er dort treffen könnte und wie er diesen Menschen für das Ziel, den grausamen Sklavenhandel abzuschaffen oder für andere Anliegen, die ihm als Christen wichtig waren, gewinnen könnte. Er schrieb seine wichtigsten Argumente auf „Spickzettel“, um im Bedarfsfall darauf zugreifen zu können. Diese Routine praktizierte er vor jedem Empfang oder jedem Treffen zu dem er ging. Manchmal prallten seine Worte an seinen Zuhörern ab, aber immer wieder erlebte er, wie der eine oder andere sich davon bewegen ließ. Stück um Stück, Gespräch für Gespräch, Rede für Rede gewann er Einfluss und Zustimmung für seine Anliegen.
Biographen sagen, dass Wilberforce durch seinen kontinuierlichen Einsatz für das Evangelium und die Menschenrechte England mehr geprägt und beeinflusst hat, als die großen Erweckungsprediger John und Charles Wesley. Nur wenige Tage vor seinem Tod erreichte ihn die Nachricht, dass sein Lebenswerk erfüllt war – der Sklavenhandel wurde als illegal erklärt. Erstaunliche Gnade.

Millionen von Menschen wurden in England und später in anderen Ländern aus der Sklaverei befreit oder gar nicht erst versklavt. Weil ein Mann sich die Zeit nahm, Lieder für Kinder zu schreiben. Die Liebe und Wertschätzung, die darin zum Ausdruck kam, führte dazu, dass eines der Kinder sich ihm später bei einer wichtigen Lebensfrage anvertraute und guten Rat bekam. Und so wurden Weichen für ein Land, sogar für die ganze Welt gestellt.

Newton tat nichts Besonderes. Er schrieb Lieder, um seiner Gemeinde Predigtinhalte zu vermitteln. Für einzelne Menschen, die ihm wichtig waren. Ohne zu ahnen, wie viele Einzelne davon bewegt würden. Er tat es nur, weil ihm die Menschen wertvoll waren und er für sie da sein wollte. Und er schrieb Lieder für Kinder. Nichts Besonderes. Er schrieb die Lieder für einige, wenige. War für die einzelnen da. Er gab ihnen ganz alltäglich Zuwendung – auf seine Art und Weise, mit seiner Begabung. Für Dutzende von Kindern. Er streute Samen der Liebe und Ermutigung aus – ganz erstaunliche Alltagsroutine – ohne zu ahnen, dass einer dieser Samen aufgehen und Auswirkungen auf das Leben von Millionen von Menschen haben würde. Er teile aus, wie Gott es tut, weil er wusste, dass jedes Samenkorn der Liebe wertvoll ist.. „Siehe es ging ein Sämann aus zu säen… Einiges fiel auf gutes Land und trug Frucht, einiges hundertfach, einiges sechzigfach, einiges dreißigfach.“ Mt. 13, 3 – 8.
Erstaunlich einfach. Nichts weiter als Alltagsroutine, Alltagsliebe, Alltagszuwendung – und in allem Alltäglichen Momente der Gnade. Erstaunliche Gnade.

Kerstin Hack: 10 Zeitspartipps. Oder: Wie man Zeit sinnvoll verwendet

Zeit kann man nicht sparen. Man kann nur darauf achten, dass man sie für Dinge verwendet, die sinnvoll erscheinen, statt sie ungewollt für Dinge zu verwenden, die weniger Sinn machen.

1. Klare Prioritäten

Wer weiß, was ihm am wichtigsten ist, kann Unnötiges leichter ausfiltern. Man kann unterscheiden zwischen: Wichtig / Unwichtig und dringend / weniger dringend. Zuerst sollte erledigt werden, was wichtig und dringend ist. Dann wichtig und weniger dringend, anschließend die unwichtigen Sachen.

2. Vorher planen

Wer Abends die Ziele für den nächsten Tag und Freitags die Ziele für die nächste Woche aufschreibt, läuft weniger Gefahr, sich mit Unnötigem zu verzetteln. Wichtig dabei ist, Zeit 30 % bis 50% unverplante Zeit für Unvorhergesehenes einzuplanen.

3. Zeitbedarf einplanen

Die beste To-Do Liste nützt nichts, wenn man sie mit unrealistisch vielen Dingen füllt und am Ende frustriert ist, nicht alles geschafft zu haben, was drauf stand.
Besser: Beim Planen gleich den geschätzten Zeitbedarf dazu schreiben.

4. Die beste Zeit für das Wichtigste nutzen

Zu Beginn des Tages mit den Aufgaben beginnen, die am Wichtigsten sind. Keine Zeit mit der Beantwortung von Mails und längeren Gesprächen mit Kollegen vertrödeln, sondern diese Dinge für Zeiten aufheben, wenn die Energie und Konzentration etwas nachlässt.

5. Zeitkiller meiden

Wenn möglich, Besprechungen auf ein Mindestmaß reduzieren. Vieles kann auch anders geklärt werden, als durch langwierige und langweilige Sitzungen.

6. Energiekurve berücksichtigen

Die meisten Menschen haben Morgens, nach einer Anlaufphase ihre konzentrierteste und beste Phase des Tages. Die sollte für die anspruchsvollsten Aufgaben genutzt werden.

7. Multitasking vermeiden

Mehrere Dinge gleichzeitig zu tun, kostet erheblich mehr mentale und physische Energie, als wenn man eines nach dem anderen tut. Besser: Bei anspruchsvollen Aufgaben – so reizvoll es ist, sich ablenken zu lassen – Unterbrechungen durch Mail, Telefon, Radio etc. vermeiden.

8. Aufräumen

Wer Ordnung schafft und hält, braucht weniger Zeit als das Genie, das ständig im Chaos suchen muss. Ein guter Tipp um Ordnung zu halten ist, wann immer man eine Sache ablegt, an der gleichen Stelle zwei Dinge zu entsorgen: Unterlagen, Dateien. Wer darauf achtet, hält die Umgebung schlank und findet sich schnell zurecht.

9. Pausen machen

Nach 90 bis 120 Minuten Arbeit braucht der Körper eine Pause. Wer hier ein gutes Gefühl für die eigenen Körpersignale entwickelt und dem Körper gibt, was er braucht, sorgt dafür, dass die Energie erhalten bleibt.

10. Energiespender nutzen

Jeder Mensch kennt Dinge, die ihm neue Energie geben. Etwas Bewegung, eine Kleinigkeit zu essen, 5 Minuten die Augen zu, ein kurzes Gespräch…. Wer sich diese Energiespender gönnt, gewinnt Kraft und Konzentration – und dadurch Zeit.

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