Kerstin Hack. Unerträglich passiv. Was kann und will ich nicht ertragen?

»Toleranz kommt von tolerare, das bedeutet ertragen.« Das hat mir mein Vater immer wieder eingebläut. Er liebte Latein und kann selbst nach zwei Saunagängen lateinische Texte noch besser übersetzen als ich in meinen besten Zeiten: »Kerstin, wo ist das Substantiv? Und das Hauptverb? Nein. Subito ist kein Verb, sondern ein Adjektiv.« »Ähm. Schwitz.«

Es ist nicht viel übrig geblieben von meinem Schullatein: »Claudia hodie in collosseo est.« »Claudia ist heute im Kollosseum.« Erste Lektion. Das weiß ich noch. Und: »mortem« heißt »gestorben«. Das kann man auf alten Grabsteinen lesen. Aber schon bei den römischen Zahlen, die die Lebensdaten der dort Liegenden beziffern, bin ich mit meinem Latein am Ende. Ziemlich magere Ausbeute für ein paar Tausend Stunden Schulunterricht und Büffeln zu Hause.

Aber »tolerare heißt ertragen« – das ist hängen geblieben. Daran denke ich immer wieder, wenn ich Diskussionen über mehr oder weniger Toleranz höre, über Mulit-Kulti und Toleranz für unterschiedliche Lebensstile.
Letztlich geht es immer um die Frage: Was können, was wollen wir ertragen? Oder ganz persönlich: Was kann ich, was will ich ertragen?

Manches ist einfach zu ertragen. Ich bin relativ gerne bereit, andere zu unterstützen und etwas für sie zu tragen oder zu ertragen, wenn eine Person es offensichtlich nicht selbst schafft.

Wenn Menschen jedoch handeln könnten und es nicht tun, dann finde ich das unerträglich. Ich hasse Passivität. Nicht die gesunde Form von Passivität, die in guter Weise mit Energiereserven umgeht. So wie Passivhäuser es tun. Passivhäuser sind so konzipiert, dass sie nicht an unnötigen Stellen Energie verschwenden, sondern vorhandene Energien optimal nutzen.

Es gibt Menschen, die sind wie Passivhäuser. Sie gestalten ihr Leben in Reduzierung auf die vorhandene Kraft, die sie bewusst für bestimmte Zwecke einsetzen. Sie powern sich nicht aus, sondern haushalten gut mit der vorhandenen Energie, Zeit und Kraft. Sie wissen klar – und bringen es auch anderen gegenüber zum Ausdruck: »Das kann ich und will ich tun. Nicht mehr und nicht weniger.« Sie mischen nicht überall mit, gehen nicht über ihre eigenen Grenzen und bleiben in manchen Dingen bewusst und entschieden passiv.

Das finde ich gut. Ich tue das auch. Ich habe mich bewusst entschieden, mich für einige wenige Organisationen, die in Berlin und Afghanistan tätig sind, einzusetzen. Die bekommen meine Energie in Form von Engagement und Geld. Anderen gegenüber bleibe ich passiv. Weil es in Berlin passieren kann, dass man an einem einzigen Nachmittag von mehr als zehn Personen gefragt wird »Haste mal n Euro«, habe ich mich entschieden, der ersten Person, die mich an einem Tag um eine Spende bittet, gerne, lächelnd und aus ganzem Herzen etwas zu geben. Den anderen nicht.

Mit meinem ehrenamtlichen Engagement mache ich es genauso: Ich entscheide mich für einige, wenige Aufgaben, die im Rahmen meiner Fähigkeiten und Kapazitäten liegen – und sage konsequent nein zu vielen anderen Möglichkeiten. Es tut mir gut, meine Zeit und Kräfte zu beschränken, nicht auf allen Hochzeiten gleichzeitig zu tanzen. Auf Anfragen kann ich so gelassen reagieren: »Danke, nein, ich engagiere mich schon an anderer Stelle!«

Das ist gesunde Passivität, die vorhandene Kraft bewusst einsetzt und Lebensenergie nicht an tausend Stellen verschwendet. Menschen, die in dieser Weise passive Stärke leben und mit Blick auf ihre Energiereserven gelassen und souverän »nein« sagen können, bewundere ich.

Die Passivität, die ich hasse, ist, wenn Menschen einfach nicht reagieren. Da tritt eine Anfrage an sie heran und sie reagieren innerlich und häufig auch verbal mit einem unverbindlichen »mal sehen«. Wer »mal sehen« sagt, sieht meist nicht wirklich hin. Echtes Hinsehen bewegt zur Entscheidung und zum klaren Handeln. Häufig bedeutet »mal sehen« aber nichts anderes als: »Ich will das nicht sehen«. Die Anfrage wird damit mental weggeschoben. Aus den Augen aus dem Sinn. Das ist so ähnlich wie mit den Papierstapeln, die sich unweigerlich in jedem Büro ansammeln, wenn man nicht gleich entscheidet, wohin man dies oder jenes tun will und es auch gleich dorthin tut.

Wenn Menschen mit etwas konfrontiert werden, das sie zum Entscheiden und Handeln auffordert und sie nicht reagieren, dann könnte ich die Wände hochgehen. Das kann ich kaum ertragen. Da komme ich mit meiner Toleranz für ihr Verhalten schnell an meine Grenzen.

Es kann sich um Mitarbeiter handeln, die mir gegenüber eine schwammige Zusage gemacht haben, etwas bis zu einem bestimmten Zeitpunkt zu tun. Die »ja« gesagt haben, aber »ich will mich nicht wirklich festlegen!« meinten. Und die dann in Funkstille versinken. Oder Menschen, die unendlich lange über etwas reden, was sie belastet, ohne je zum Punkt oder zu einer Entscheidung zu kommen. Ja, die nervigen Kollegen, die unerzogenen Kinder, die schwierige Situation im Leitungsteam. Sie reden und reden. Grübeln und denken nach. Aber bleiben passiv. Sie denken und hoffen, denken lediglich: »Irgend etwas sollte geschehen.« Aber überlegen nicht konkret, welche Anfrage die Situation an sie stellt, und sie entscheiden sich nicht: »Was will ich jetzt tun?«

Es nervt mich nicht nur, weil es meine Zeit raubt – zumindest dann, wenn ich meinen Handlungsspielraum nicht rechtzeitig nutze, um klar »Nein, das will ich mir jetzt nicht länger anhören« zu sagen. Es nervt mich vor allem deshalb, weil ich sehe, dass ein solches Verdrängungsverhalten ihre Lebenskraft immer mehr einschränkt. Letztlich führt es dazu, dass der »Mal sehen« Stapel in ihrem Leben immer größer wird. Weil sie ihn nur selten wirklich ansehen und noch seltener angehen, kaum je entscheiden: »Was mache ich jetzt damit?«

Sie geben auf die Fragen und Anfragen, vor die das Leben sie stellt, keine Antwort. Damit sind sie im wahrsten Sinne des Wortes ver-Antwortungs-los. Das Problem dabei ist: Je mehr man verdrängt, nicht beantwortet, umso schwieriger wird es, Dinge wieder ganz klar anzusehen und anzugehen. So wie mit der Ablage, die zur Qual wird, wenn der Stapel so unübersichtlich geworden ist, dass man nicht mehr weiß, was da alles liegt. Und schon der Gedanke daran, sich damit zu beschäftigen, den Blutdruck nach oben treibt und Fluchttendenzen aktiviert. Bloß weg.

Im Grunde sind die Anfragen, die das Leben an uns stellt, nichts anderes als Nahrung. Jede praktische oder emotionale Herausforderung unseres Lebens ist ein kleines Kalorienpaket, das uns vermittelt: »So, hier bin ich. Ich stell mich dir zur Verfügung, um deine grauen Zellen und dein Handeln zu aktivieren. Du kannst mich benutzen, um etwas daraus zu gestalten und durch mich stärker zu werden.«

Wenn wir auf die Anfragen des Lebens bewusst und aktiv reagieren, werden unsere »Handlungsmuskeln« immer stärker. Im Lauf der Zeit werden wir in der Lage sein, auf Dinge konstruktiv zu reagieren, die uns früher vor Angst hätten flüchten lassen.

Aber leider ist auch das Gegenteil der Fall. Wenn wir den Anfragen des Lebens immer wieder ausweichen, nicht reagieren und nicht entscheiden, sondern die offenen Fragen zur Seite schieben, auf den Stapel, den wir »irgendwann« mal erledigen wollen, dann haben sie die gleiche Auswirkung auf unser Inneres, wie unverbrauchte Kalorien auf unseren Körper: Sie sammeln sich an. Erst unmerklich. Dann immer mehr. Bis wir am Ende dick und fett und handlungsunfähig sind.

Je länger wir Dinge ungeklärt liegen lassen – egal, ob es sich um nicht getroffene Entscheidungen oder ungeklärte Anfragen oder Beziehungen handelt, umso schwerer wird es, in dem ›Wust‹ überhaupt noch durchzublicken. Unser Innerstes gleicht dann nicht mehr einem ›wohlgeordneten Garten‹, ein Bild, mit dem die Bibel das Seelenleben eines innerlich aufgeräumten Menschen beschreibt, sondern eher einem undurchdringlichen Dschungel, in dem allerlei Gefahren lauern und den man besser überhaupt nicht betritt.

Um das Dickicht aus Passivität und nicht getroffenen Entscheidungen zu roden und den Ballast, der sich auf unsere Seelen gelegt hat, loszuwerden, kann man nur eins tun: Erst einmal, so gut es geht, dafür sorgen, dass nicht noch mehr an Anfragen an uns herangetragen werden, als wir bewältigen können. Und dann Schritt für Schritt den Ballast der ungeklärten Fragen, den wir schon angesammelt haben, wieder loswerden.

Für mich geht das am einfachsten, wenn ich mir regelmäßig (täglich kurz und ab und zu länger) Zeit nehme und mich ehrlich frage. »Was belastet mich? Was schleppe ich mit mir herum? Wo habe ich nicht klar reagiert? Was habe ich verdrängt? Was will ich jetzt klar entscheiden?« Und wenn ich gespürt habe, was in mir an ungeklärten Fragen rumort, ganz konkret überlege: »Was werde ich nun tun? Was muss ich entscheiden? Wie will ich damit umgehen?«

Wenn man erstmals so eine Entschlackungskur macht, kann das eine ganze Weile dauern, bis man am Boden des passiven Ballasts angekommen sind. Das ist ein ganzes Stück Arbeit. Befreiende Arbeit.

Jede nicht getroffene Entscheidung, jedes Wegschieben hat Ballast verursacht. Und jede klare Entscheidung, die ich treffe, verwandelt diesen Ballast in Kraft. Es ist mühsam, Ballast loszuwerden und fühlt sich an, wie wenn man nach jahrelangem körperlichen Stillstand erstmals wieder joggen geht: träge und schwer, jeder Schritt eine Überwindung. Aber mit der Zeit wird das Laufen leichter, man freut sich an der neuen Energie und spürt: Ich habe Kraft.

Neben den bewussten Entschlackungszeiten versuche ich mein Leben aktiv zu gestalten und im Alltag darauf zu achten, dass es gar nicht dazu kommt, dass sich Ballast ansammelt. Ich versuche auf Anfragen, die an mich herankommen, möglichst zeitnah zu reagieren: egal ob es sich um praktische Anfragen handelt oder ob ich spüre, dass mich etwas emotional bewegt und ich innerlich eine Entscheidung treffen muss.

Ich übe mich darin, mich gleich zu entscheiden, was ich mit Dingen tun will. Das verhindert ein gutes Stück weit, dass sich emotional ›Fett‹ ansammelt und mich im Inneren immer unbeweglicher macht. Weil es so viel Leben und Lebenskraft raubt, hasse ich Passivität und Verdrängen bei mir und anderen. Und bekämpfe es bei mir und anderen so gut es geht. Am effektivsten mit der Frage: »Was willst du jetzt tun?«

Fragen zum Weiterdenken

Was belastet mich derzeit am meisten? Was will ich damit tun?

Was aus der Vergangenheit belastet mich noch? Wie will ich damit umgehen?

Will ich regelmäßige »Entschlackungszeiten« in mein Leben einbauen? Wenn ja: Wie werde ich das ganz konkret tun?

Dieser Artikel ist ein Auszug dem Buch von Kerstin Hack: »Spring. Hinein ins volle Leben« Erhältlich im Down to Earth Verlag: http://www.down-to-earth.de

Kerstin Hack: Erfolg

 Ich sitze in der Ecke und weine. Auf meinem Schoß eine Schüssel mit dampfender arabischer Suppe. Alles zusammen war etwas zu viel: Die Erschöpfung nach einer intensiven Reise, die damit endete, dass ich mich erkältete, als ich unfreiwillig 33 Stunden auf einem Provinzflughafen verbringen musste, dessen einziger „Komfort“ in einer Klimaanlage bestand, die eisig kalte Luft in den Raum blies. Davon wurde der Steinfußboden, auf dem ich saß, weder wärmer noch bequemer. Ergebnis: Müdigkeit bis in die Knochen, rauer Hals, verstopfte Nase, Ohrenschmerzen. Dabei werde ich sonst eigentlich nie krank.

Zu Hause eine ausgefallene Heizungsanlage. 15 Grad in der Wohnung. Im November. Eisig. Kann nachts kaum schlafen, bin übermüdet und gefrustet. Heute wurde die Anlage repariert. Man sagte mir, ich müsste 30 Minuten warten, um zu sehen, ob die Maßnahmen Erfolg hatten. Hatten sie nicht. Es ist immer noch kalt. Die Heizkörper sind lauwarm oder klamm. Jetzt, Freitagnachmittag, kommt niemand mehr. Ein Wochenende Kälte. Frust. Mein Körper ist am Ende.

Habe das ganze Jahr hart gearbeitet. Zusammen mit meinem Lieblingsgrafiker ein Dutzend Impulshefte zu verschiedenen Themen publiziert, viel Werbematerial, ein neues Buch geschrieben, Prospekte und Displays für den Buchhandel gemacht. Geschenkschachteln für die Kunden. Artikel für Zeitschriften geschrieben. Aber an der einen oder anderen Stelle war ich mit Rabatten zu großzügig gewesen, so dass am Ende auf dem Konto – wie ich jetzt an den Bankauszügen sehen kann – nichts mehr übrig blieb. Obwohl die Sachen total beliebt sind.

Nein. Es war keine gute Woche. Ich sitze da und heule. Das Gefühl »Egal, was ich tue, es nützt doch nichts!« ist zu stark. Drückt aus mir raus. Tränen fließen. Ich fühle mich machtlos und hilflos. Weder kriege ich es hin, dass meine Wohnung warm wird, noch dass mein Kontostand in Bewegung kommt.

Ich wünsche mir besser zu sein, erfolgreicher. Oder einfach beschenkt zu werden mit Fürsorge, Wärme, Geld. Und weiß, dass es mir nichts nützen wird, um meine Seele zu besänftigen. Ich denke an Elia. Den, der geistlich richtig Karriere gemacht hat. Er hatte alles richtig gemacht. Sich als radikaler, konsequenter Nachfolger Gottes gezeigt. In in einem dramatischen Showdown alle finsteren Mächte konfrontiert und niedergemacht. Er hätte sich eigentlich gut fühlen können. Hätte.

Wenn da nicht das Gefühl gewesen wäre: »Ich bin der letzte Mohikaner. Der einzige. Völlig alleine gelassen. Und die anderen, vor allem Isebel, dieses Miststück, sitzen mir im Nacken.« Gegen seinen tiefen, inneren Blues kam auch der Erfolg nicht an, den er kurz vorher hatte.

Jeder braucht Erfolg. Erfolg heißt, dass auf meine Handlungen etwas folgt. Dass sie Auswirkungen haben. Dass das, was ich tue, Sinn hat und macht. Erfolg ist gut. Und gehört zum Leben. Wenn Erfolg auf Dauer ausbleibt, kann ich mich zu Recht fragen, ob es Sinn hat, was ich tue. Oder an welchen Maßstäben ich meinen Erfolg messe.

Keinen Erfolg zu haben ist einfach Müll. Aber Erfolg alleine kann nie mein Innerstes ausfüllen. Keinem nützt der äußere Erfolg, wenn die Seele innerlich nicht mitkommt. Wenn man nach wie vor an Bildern festhält, die einem suggerieren , dass man wertlos, nutzlos, hoffnungslos ist. Wer hofft, dass der Karrierekick, der Traummann oder der Supererfolg, der geistliche Durchbruch oder irgend ein anderes tolles Ereignis ihm und allen anderen endlich zeigt, dass er etwas wert ist, der hofft vergeblich. Kein Mensch, kein Ereignis kann geben und ausfüllen, was innerlich fehlt.

Wenn aller Erfolg mich nicht satt macht oder aller Misserfolg mich bis in die Tiefen meiner Seele trifft, hilft nur eins: Das zu tun, was Elia getan hat. Erst einmal zur Ruhe kommen. Loslassen vom eigenen Kämpfen, von den Versuchen, innere Löcher durch äußere Erfolge stopfen zu wollen. Geht nicht. Ging noch nie.

Etwas richtig Gutes essen. Kraft kriegen.

Und dann bei Gott zur Ruhe kommen. Hören, was der Vater sagt. Ganz leise. Überraschend. Vielleicht etwas ganz anderes als das, was ich erwartet haben. Aber genau das, was mein Herz braucht und hören muss, um wieder Kraft zu finden. Das werde ich jetzt tun. Jetzt gleich.

Anmerkung: Diesen Artikel habe ich 2007 geschrieben. Mittlerweile – mit etwas Zeitverzögerung – hat sich auch der Erfolg der vielen publizistischen und sonstigen Arbeit eingestellt…zumindest ein Stück weit.

Zuerst erschienen in THE RACE | Die christliche Zeitschrit zum WEITERdenken: www.therace-online.de

Kerstin Hack (40) inspiriert Menschen durch ihre Arbeit als Autorin und Referentin inGlaubens- und Lebensfragen. In ihrer Beratungspraxis unterstützt sie Menschen dabei, für sich passende Lösungen zu finden. Sie lebt in Berlin und liebt Fotoausstellungen, gute Filme und leckeren Kaffee. » www.kerstinhack.de » www.down-to-earth.de